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Die Idee für das Diplom

Projektidee
"Wir leben wirklich in einer Zone, in der es die Unterscheidung zwischen Ausnahme und Regel nicht mehr gibt. Das muss nicht unbedingt als Katastrophe daherkommen, es kann vielmehr sehr reibungslos erscheinen. Sie können diese Zone der Ununterscheidbarkeit im alltäglichen Leben finden, in dem die Grenzen zwischen privat und öffentlich, politisch und biologisch verschwinden. Wir haben keine Kriterien, um zwischen diesen Sphären zu unterscheiden." (Zitat Agambens aus dem Interview, 2001).

Meine Diplomarbeit thematisiert die Schwellen und die Schwierigkeiten diese zu erkennen. Sie soll der Frage nachgehen, wo und in welcher Form sich Mechanismen des Lagers heute immer noch finden lassen.


Beschreibung der Umsetzung im Ausstellungsraum
Für meine Diplomarbeit möchte einen Fotoautomaten bauen, welcher nicht wie üblicherweise von Hand ausgelöst wird, sondern durch den Schrei der sich im Automaten befindenden Person. (Dies soll über ein Interface geschehen, welches ermöglicht per Schrei über eine versteckte Akustik-Schaltung den Auslöser zu aktivieren).
Das Resultat dieser Aktion soll ein (Pass-)Foto sein, welches die portraitierte Person mit schreiendem Gesichtsausdruck zeigt. Die gedruckten Fotos vom Automaten werden an der Wand als Galerie aneinandergeordnet angebracht.
Der Automat soll nach Möglichkeit aussehen, wie die aktuellen öffentlichen Fotoautomaten.

Fragestellungen und Ziel der Arbeit
Ich möchte mit meiner Arbeit " Register later" die geläufigen Konventionen bespielen, welche für ein "amtsfähiges" Pass-/ oder Ausweis-Foto die "Norm" sind. (Die vom Bundesamt für Polizei festgesetzten Auflagen finden sich unter http://www.fedpol.ch/d/themen/ausweise/fm-einstieg.htm).



Drei Ebenen: Der Passbild - das Portrait - der Schrei.

Die Arbeit soll (den Besucher) zum Nachdenken bewegen, wie weit wir uns erfassen, vermessen, normieren und einordnen lassen wollen. Inwiefern nützen uns die neuen, oft technologischen, Errungenschaften wie z.B. der biometrische Pass etwas? Oder schränken sie uns eher ein?
Oder ob man sogar soweit gehen will, wie Agamben es tut, wenn er sagt, dass wir nach wie vor in einem "Lager"-ähnlichen Raum leben. In einem Raum, wo Unterscheidungen verwischen und die Ausnahme zur Regel wird.
Gerade dieses bewusste Verwischen von Grenzen, von Innen und Aussen, macht es oft schwierig, allfällige Schwellen (und deren Konsequenzen), welche wir im Begriff sind zu überschreiten, zu erkennen.

Auch der Fotoautomat, welcher es uns ermöglicht, ein vorschriftsmässiges Passfoto für amtliche Ausweise, Reisepass oder Identitätskarten anzufertigen, könnte durchaus als eine solche Schwelle gesehen werden. Nach durchlaufen den Verwaltungsapparats, öffnen sich uns damit die Türen. Optionen gibt es keine, denn wer nicht erfasst wird und keinen Pass hat, gilt schnell als "illegal", Rechtslage unklar. Oft bleibt dann jenen Menschen nur das Leben. Das nackte Leben.
Um dies zu verhindern, haben die (schweizer) Bürger die Möglichkeit, sich in vom einem Automaten, einer Maschine, ins rechte (Blitz-)Licht rücken zu lassen. Der Automat fertigt maschinell Portraitfoto einer Person an; immer mit (idealerweise) gleicher Grösse, gleichen Farbe, gleichen Abstand, unabhängig davon, wo sich die Maschine befindet oder wer sich gerade ablichten lässt. Was als Variable bleibt, ist das Gesicht des Portraitierten und dessen Ausdruck.

Der Auslöser für das Foto soll der Schrei sein. Er symbolisiert den Willen zur Gegenwehr. Eine Antwort auf die ausdruckslosen Gesichter wie sie gewünscht werden, allenfalls noch mit steifem Lächeln, aber am liebsten mit "neutralem" Gesichtsausdruck. Das Resultat sind Fotos, auf denen man sich selbst kaum wieder erkennt.
Die Maschine bietet die Möglichkeit ein Passfoto anzufertigen, welches die zu beachtenden Punkte für ein amtliches Passfoto erfüllt und trotzdem mit den gebräuchlichen Konventionen bricht. Stände ein Fotograf hinter der Kamera, würde dieser mit grosser Wahrscheinlichkeit, klar zu Ausdruck bringen, wie man auszuschauen hat, bevor er den Auslöser drückt. Dies tut die Maschine nicht.

Die Artikulation des Schreis wiederum lässt an zwei verschiedenen Standpunkten festmachen. Einerseits das "Anschreien" und anderseits das "Aufschreien". Die Positionen in denen sich die jeweiligen Subjekte befinden, sind nicht nur sehr unterschiedlich, sondern einander gerade entgegengesetzt. Der Vergleich mit den Begriffen Souverän und Homo scaer von Agamben liegt nahe.
Könnte dieser Aufschrei sogar für all jene stehen, die nicht mehr schreien können, weil sie stumm und willenlos geworden sind, wie der Muselmann?