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Theoretische Grundlage

Um aber das Gebäude der Theorie, welches Agamben konstruiert hat, verstehen zu können, war es notwendig sich seiner bereits erschienen Bücher zu diesem Thema, anzunehmen. Des Weiteren folgt ein kurzer Erklärungsversuch seiner Perspektiven.

Einige Kritiker bezeichnen Agamben als "Verschwörungstheoretiker der Philosophie", "philosophischen Extremisten" oder "Pessimisten".
Agamben meinte zu letzterem in einem Interview 2001: "Die Leute sagen manchmal, ich sei zu pessimistisch. Das verstehe ich nicht. Pessimist sein meint in dem Fall doch, deutlich zu sein. Ich bin nicht im Geringsten pessimistisch. Ich bin allerdings ein bisschen misstrauisch gegenüber zu guten Gefühlen."
Ein Rezensent umschreibt Agambens anderer Stelle folgendermassen: "Agambens Bücher bewegen sich an den Rändern der Sprache und versuchen, vom Rest ausgehend, das Unaussprechliche auszudrücken." Zitat: Roman Herzog, Forum Buch , SWR 2, 2004

Agambens Homo sacer -Reihe besteht aus momentan vier Büchern: Homo sacer , Ausnahmezustand , Was von Auschwitz bleibt und Das Offene. Grundsätzlich führt Agamben mit seiner Homo sacer -Bücherreihe die Gedanken Foucaults zur Biopolitik weiter.


Der Homo sacer
Im ersten Bandes der Homo sacer -Reihe beginnt Agamben mit der Analyse mit einer in der griechischen Antike getroffenen Unterscheidung zwischen zoeŽ (das menschliche Subjekt wie es geboren wird; die einfache "Tatsache" des Lebens bzw. das nackte Leben) und bíos (das politische Leben).
Der Homo sacer ist ein alter römischer Begriff für einen Mann, der getötet werden durfte, ohne dass dies als ein Verbrechen geahndet oder als rituelles Opfer anerkannt worden wäre. Der Homo sacer ist der völlig entrechtete Mensch, der nur noch das nackte Leben verkörpert.
Er markiert die Grenze zwischen dem nackten Leben und dem rechtlich eingekleideten Leben.
Eine parallele Figur zum Homo sacer findet Agamben am anderen Ende der Machtskala im Souverän.
Die dem Homo sacer entgegen gesetzte Figur, findet Agamben am anderen Ende der Machtskala im Souverän.


Ausnahmezustand
Carl Schmitts Definition zur Souveränität, stellt den Ausgangspunkt für Agambens Analyse dar. Danach ist derjenige Souverän, welcher in letzter Instanz über den Ausnahmezustand entscheidet.
Im Buch Homo sacer wird das Paradox der Souveränität verwiesen und mit folgenden Worten beschrieben: "Der Souverän steht zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung" ( Agamben, Homo sacer, S.25). Auf der einen Seite ist der Souverän, indem er ein Gesetz konstituiert, mit der Rechtsordnung verbunden, auf der anderen Seite steht er außerhalb der Rechtsordnung, da er selbst der Gesetzesordnung nicht unterworfen ist und somit über dem Gesetz steht.
Aber was versteht man unter einem Ausnahmezustand? Das Brockhaus-Lexikon (Auflage von 2002) definiert ihn folgendermassen: Der Ausnahmezustand ist ein staatlicher Notstand, bei dem außerordentliche Maßnahmen zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung getroffen werden.
Wie ist nun diese Ausnahme zu beschreiben? Aber welcher Indikator bestimmt, wann die "öffentlich Ordnung" in Bedrängnis gerät? Die Schwierigkeit dieser Frage, zeigt sich zurzeit ['05/'06] in den USA. Es werden - insbesondere seit dem 11.September - im Namen der Terrorbekämpfung Gesetze ausser Kraft gesetzt und durch Vollmachten ersetzt.


Das Lager
Agamben behandelt die Thematik an den Verhältnissen in Lagern, im Speziellen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Aber für ihn sind diese Lagerverhältnisse noch nicht zu Ende, sondern treten immer wieder auf; wenn auch nicht in dieser absoluten Variante. Sie sind für Agamben keine Ausnahme, sondern nur der Gipfel und die unausweichlichen Folge der abendländischen Politik.
"Das Lager ist der Raum, der sich öffnet, wenn die Ausnahme zur Regel zu werden beginnt" (Agamben, Homo sacer, S.177). Im Lager erhält der Ausnahmezustand, der vom Wesen her eine zeitliche Aufhebung der Rechtsordnung auf der Basis einer faktischen Gefahrensituation war, eine dauerhafte räumliche Einrichtung, die als solche jedoch ständig außerhalb der normalen Rechtsordnung bleibt. Durch das Lager wird der Ausnahmezustand in die Ordnung eingeschlossen, d.h. es wird eine Situation geschaffen, in der keine Rechtsordnung gilt.
"Insofern seine Bewohner jedes politischen Status entkleidet und vollständig auf das nackte Leben reduziert worden sind, ist das Lager auch der absoluteste biopolitische Raum, der je in der Realität umgesetzt worden ist, in dem die Macht, nur das reine Leben ohne jegliche Vermittlung vor sich hat. Darum ist das Lager das Paradigma des politischen Raumes, und zwar genau an dem Punkt, wo die Politik zur Biopolitik wird und der Homo sacer sich virtuell mit dem Bürger vermischt" (Agamben, Homo sacer, S.180).
Demnach ist das Lager keine historische Tatsache oder eine logische Anomalie, sondern eine "verborgene Matrix" (Agamben, Homo sacer, S.175) des politischen Raums. Agamben sieht seine Aufgabe darin, diese Tiefenstruktur sichtbar zu machen.
Zusammenfassend: Lager und Ausnahmezustand sind zentrale Ordnungsmuster der Moderne.

Die Lager-Bewohner leben der Zone der Ausnahme. Agamben machst sich in seiner Recherche auf die Suche nach dem Insassen der wahrscheinlich extremsten Form des Lager - dem Konzentrations-Lager der Nationalsozialisten - und findet den "vollständigen Zeugen": "Ihr Leben ist kurz, doch ihre Zahl ist unendlich. Sie, die Muselmänner, die Verlorenen, sind der Nerv des Lagers." ( Was von Auschwitz bleibt , S.38)


Der Muselmann
In Was von Auschwitz bleibt begegnet man der extremsten Form des Homo sacer . Es ist der von den jüdischen Häftlingen als Muselmann bezeichnete und verachtete Häftling kurz vor seinem Weg in die Gaskammer. Er hat eine fast transparent, weisse Haut und ist nicht mehr fähig auf Einflüsse von aussen zu reagieren; unfähig geworden, Gefühle zu zeigen, bliebt er stumm und vollkommen willenlos. Im Buch werden einige der Umschreibungen des Muselmanns aufgeführt: "Mumien-Mensch", "Bündel physikalischer Funktionen", "wandelnder Leichnam", "Nicht-Mensch" oder "Anti-Gesicht". Der Muselmann erhielt von anderen Häftlingen keinerlei Unterstützung mehr, erregte als lebendige Leiche und ausdruckslos umherirrender Körper nur Abscheu.

Dass man seinem Anblick nicht standhalten kann, liegt daran, dass sich der Mensch, vor dem Anblick der extremsten Form seiner selbst, zu sehr fürchtet. Agamben sieht darin auch den Grund dafür, dass die Figur des Muselmanns in historischen Dokumenten nur sehr selten oder gar nicht erwähnt bzw. analysiert wird.
"Der Muselmann ist der Wächter an der Schwelle einer Ethik, einer Lebensform, die dort beginnt, wo die Würde endet." (Agamben, Was von Auschwitz bleibt, S.60)

Agamben will vor allem eins nicht: Kapitulieren und Auschwitz als ein unergründliches und unverstandenes Rätsel festschreiben, seine Einmaligkeit behaupten und so zugleich jeglichen Erklärungsversuch unmöglichen machen.
Diese Vermischung von Ausnahme und Regel, die Agamben immer wieder mit dem Begriff der Ununterscheidbarkeit thematisiert, "höhlt" nach Agamben letztendlich "die Demokratie von innen aus". Dies nicht nur im historischen Sinn, sondern vor allem auch für unsere gegenwärtige Situation.



Schwellen
Der Staatssouverän legitimiert seine Existenz und die seiner Rechtssprechung über die notwendige Möglichkeit den Ausnahmezustand zu verhängen, um wieder Ordnung zu schaffen.
Auf der anderen Seite der Mensch: Er wird zum Mensch in der Abspaltung des Nichtmenschen.
All diese Mechanismen funktionieren nach Agamben durch ein System des Ein- und Ausschlusses bzw. dessen gegenseitige Wechselwirkung. Dabei tritt in diesen Grenzbereichen immer wieder der Begriff der "Schwelle" auf, welcher schlussendlich über Innen und Aussen entscheidet.
Zitat Agambens: "Einer der wesentlichen Züge der modernen Biopolitik in der Notwendigkeit besteht, im Leben laufend die Schwelle neu zu ziehen, die das, was drinnen, und das, was draußen ist, verbindet und trennt" (Homo sacer, S. 140).

Die Thematik der Schwelle und die Frage nach lagerähnlichen Mechanismen, welche auch in der Gegenwart aufrechterhalten werden, sollen in meine Diplomarbeit einfliessen.